• Lynn Blattmann

Lustvolles Essen führt zur Onanie

Schon vor über hundert Jahren gab es Ernährungsreformer, die uns sagten, was wir essen sollten. Sie glaubten schon damals, dass die Menschheit vom Essen degeneriert sei und sie waren überzeugt, dass zu viel Lust beim Essen zur Masturbation anregt. Essen und Lust gehört seit langem zusammen, die Unterdrückung derselben auch. Ein historischer Ausflug klärt auf.

Die Schweiz hat immer Gesundheitsreformer hervorgebracht, die auch international grosse Beachtung fanden. Einer der ersten war der Lausanner Arzt Auguste Tissot, der Mitte des 18. Jahrhunderts einen Bestseller verfasste über die gesundheitsschädliche Onanie. Seine Schrift erlebte 67 Auflagen und wurde in fünf Sprachen übersetzt. Er behauptete, dass die Masturbation unweigerlich zur Auszehrung führte, weil der Mann bei jedem Samenerguss ein Teil seiner Hirnflüssigkeit verströmte. Tissot glaubte, dass zu lustvolles Essen der Onanie förderlich ist. Seine Bücher wurden nicht nur international gelesen, seine Sicht der Dinge leuchtete vielen ein und so tüftelte auch ein gewisser John Harvey Kellogg in den USA an einem Essen, das onanieverhütend wirken sollte. Er folgerte, dass zu viel Lust beim Essen den Sexualtrieb unterstützt, besonders verurteilenswert war für ihn der Fleischgenuss und natürlich Alkohol und Tabak. John Harvey Kellogg experimentierte mit trockenen Getreideflocken und erfand in der Folge die Cornflakes.

Anti-masturbatory morning meal

Allerdings wurden die Cornflakes erst zum erfolgreichsten Frühstückscereal nachdem sein Bruder Will dem Rezept mit arg viel Zucker nachgeholfen hatte. Der Arzt John Harvey Kellogg versuchte gerichtlich gegen seinen Bruder vorzugehen, weil er befürchtete, dass die Cornflakes durch die Zugabe von Zucker ihre Funktion als "anti-masturbatory morning meal" verloren.

Die Kellogg Company von Bruder Will liess sich davon nicht beirren, sie wurde enorm erfolgreich. Cornflakes werden immer noch mit viel Zucker hergestellt und es konnte bis heute kein onaniehemmender Effekt beim Essen der Flocken nachgewiesen werden.

Das Bircher Müsli

Das Schweizer Pendant zu John Harvey Kellogg war Max Bircher-Benner, ebenfalls ein Arzt, der mit lustarmem Essen die Welt verbessern wollte. Er war nicht nur der Erfinder des Bircher-Müslis und der Vollwertküche. Bircher-Benner propagierte bereits anfangs des 20. Jahrhunderts die vegetarische und vegane Küche zur Verhinderung vieler körperlicher und seelischer Leiden und war überzeugt, dass uns Rohkost von vielen Krankheiten heilen könne. In seinem Sanatorium trainierte er Patienten zu einem Verhalten, das strikte Selbstkontrolle erforderte, besonders in Bezug auf das Essen und das Trinken. Konsequenterweise war Bircher-Benner auch ein strikter Abstinenzler, er trank auch keinen Kaffee und propagierte das Nichtrauchen.

Sein Food für ein gesundes Leben ohne zu viele Lüste war das Birchermüesli. Es bestand hauptsächlich aus geriebenen frischen Äpfeln und es war Teil seiner "Ordnungstherapie".

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass seine Erfindung später als "Müsli" weltweit bekannt wurde und in abgeänderter und ebenfalls meist stark gezuckerter Form auf der ganzen Welt heute als Frühstück oder als gesunder Mittagssnack für gestresste Arbeitnehmer propagiert wird.

Müsli oder Ovenight Oats, die ebenfalls zum Müsli gezählt werden, sind heute Teil des Wellness-Kultes, der nur scheinbar kaum mehr etwas mit der Idee Bircher Benners zu tun hat. Auch der heutige Wellness-kult ist eine Art von Ordnungstherapie, die von den Anhängern viel Selbstkontrolle und Disziplin verlangt.

Bircher-Benners Ordnungstherapie bestand darin, um 6 Uhr aufzustehen, viel zu spazieren und an der frischen Luft zu sein und dazwischen etwas Rohkost zu essen. Der Müsli Erfinder hatte viele Anhänger. Nach dem Ersten Weltkrieg pilgerten die Reichen und die Schönen in sein Sanatorium am Zürichberg und unterwarfen sich als Selbstzahler seiner Ordnungstherapie, unter ihnen auch der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Thomas Mann. Er schrieb über das Sanatorium am Zürichberg, es komme ihm vor wie ein "hygienisches Zuchthaus".

Wenig Kohlehydrate, wenig Fett, viel Ballaststoffe...

Wer Bircher-Benners Schriften liest, erkennt, dass die heutige Healthism-Bewegung nicht ganz so weit von den rigiden Ideen Bircher-Benners entfernt ist wie man meinen könnte.

Nachdem die Sexualität in den letzten fünf Jahrzehnten endlich einen Liberalisierungsschub erfahren hat und sexuelle Lust kaum mehr mit Sünde verbunden wird, klammert sich das rigide Moralisieren umso stärker an das lustvolle, sorglose Essen. So wird unser Essen wieder zu einer Ordnungstherapie: Wenig Fleisch, wenig Kohlehydrate, wenig Fett, viele Ballaststoffe. So sieht die Vorgabe aus. Wer dagegen verstösst, spielt mit seinem Leben und versündigt sich an seiner Gesundheit. Weil ich sehr kritisch bin mit solcher Moral, esse ich fröhlich weiter das, wonach ich Lust habe und halte ich es mit dem Dramatiker Johannes Friedrich Hebbel, der sagte, "Ich treib' die Sünde bis zum Äußersten, nur um zu sehen, ob's auch Sünde war." Bon Appétit!


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