• Lynn Blattmann

"Ich äss kä Schwinigs."

Aktualisiert: Aug 19

Das ist ein Satz, den man besonders in gut informierten Kreisen immer wieder hört. Ein Plädoyer für das wohlschmeckendste Fleisch.

Um es gleich vorweg zu nehmen. Das essen zu können, was man will und was einem schmeckt, gehört zu den Privilegien unserer reichen westlichen Welt. Ich habe darum nichts dagegen, wenn jemand kein Schweinefleisch essen möchte.

Aber so lange diejenigen in der Mehrheit sind, die es doch mehr oder weniger häufig tun, lohnt es sich, Wege aufzuzeigen, wie man "Schwiinigs" bewusst geniessen kann.

Das grösste Problem sind die Schweine selbst, deren Haltung ist nämlich nicht ganz einfach.

Zum einen gibt es in der Schweiz ein Tierschutzgesetz, das die Borstentiere zu wenig schützt. So ist es immer noch gesetzeskonform, wenn die Schweine kein Tageslicht sehen und nicht ins Freie können, auf der anderen Seite ist die Freilandhaltung nicht einmal in den Richtlinien der Bio-Schweinehaltung vorgeschrieben.

Die Sache ist also kompliziert. Es ist nämlich ziemlich heikel, Schweine im Freiland zu halten. Der Grund dafür liegt in ihrer Natur. Schweine mögen es, den Boden umzugraben und nach wohlschmeckenden Wurzeln und Schnecken zu suchen. Die dadurch entstehenden Landschäden und die Grundwasserprobleme sind oft so enorm, dass sie bei grösseren Herden nur schlecht in den Griff zu bekommen sind.

Einige Biobauern reagieren darauf, dass sie die Tiere gezielt auf ihre abgeernteten Felder treiben und ihnen die Arbeit des "Pflügens" überlassen. (Sepp Dähler aus Stein AR betreibt Ackerfreilandhaltung von einigen Schweinen.)

Generell ist die Freilandhaltung bei Schweinen jedoch so anspruchsvoll, teuer und aufwändig und nicht immer zum Vorteil der Tiere, dass sie selbst von FibL, BioSuisse und KAG nicht vorbehaltlos empfohlen wird. Ausserdem ist bei Freilandschweinen die Gefahr der Ansteckung mit Seuchen durch Wildsauen höher.

Die ganzjährige Freilandhaltung von Schweinen ist also in den meisten Fällen keine Alternative zur Stallhaltung, aber es ist möglich, die Stallhaltung zu verbessern. Vielen Schweinebauern ist genau dies ein grosses Anliegen. Sie geben ihren Tieren mehr Platz, schaffen in den Ställen Rückzugsräume und saubere Abteilungen mit Einstreu und sie bieten den Borstentieren schattige Aussenräume und installieren sogar Berieselungsanlagen, unter denen sich die Schweine, die übrigens nicht schwitzen können, an heissen Tagen abkühlen.

Nur leider ist der Preisdruck in der Schweinezucht im Moment so hoch, dass sich der Mehraufwand für eine tiergerechte Haltung oft nicht lohnt.

Darum hier ein dringender Appell an die Konsumentinnen und Konsumenten: Gutes Schweinefleisch ist zwar nicht teuer, aber es kostet ein bitzeli mehr als das Kotelett aus Massentierhaltung und das ist richtig so.

Wer Schweinefleisch geniessen will, muss also bereit sein, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Er oder sie wird dafür entschädigt mit schmackhafteren Stücken, die auf dem Grill nicht zu einer halben Portion schrumpfen.

Schweinefleisch ist nicht nur deshalb das beliebteste Fleisch, weil es preisgünstig ist, sondern weil sich viele Stücke leicht kochen oder braten lassen. Im Unterschied zum Rindfleisch, bei dem sich grosse Teile vor allem zum Schmoren eignen, ist das Schweinefleisch bratfreudiger, ausserdem eignet es sich hervorragend zur Herstellung guter Würste.

Wenn diejenigen, die behaupten, sie ässen eigentlich kein "Schwinigs" (und dann dennoch Speckwürfeli, Rohschinken, oder Bratwürste kaufen,) dazu gebracht werden könnten, etwas mehr für das gute Fleisch zu bezahlen, dann würde der Anteil an anständig gehaltenen Schweinen ansteigen, so wie das beim nachhaltig gezogenen Gemüse der Fall ist.


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