• Lynn Blattmann

Der Tellerrand


Im Mittelalter wurde behauptet, die Erde sei eine Scheibe. Heute ist für viele der Tellerrand das Ende der Welt, für die sie sich engagieren. Obwohl es noch nie eine Zeit gegeben hat, in der Lebensmittel in grösserer Vielfalt und besserer Qualität erhältlich waren, ist das Kontrollbedürfnis für das, was auf den persönlichen Teller kommt, zu einem zentralen weltanschaulichen Punkt geworden. Wir wollen nicht nur wissen, was genau in unseren Körper kommt, wir werden auch laufend mit neuen Studien überflutet, die uns weissagen, was wirklich gut ist für uns und was eben nicht. Essen ist zu einem belasteten und belastenden Thema geworden.

Low-Carb, Vegetarismus, vegane Ernährung, Bio-Boom sind nur Stichworte für diese neue Fixierung auf den eigenen Teller.

Interessant ist, dass diese Entwicklung einher geht mit einer stärkeren Fokussierung auf den eigenen Körper. Während früher detaillierte Ernährungspläne eher etwas für Spitzensportler waren, optimieren wir unsere Körper laufend mit neuen Eiweissen, Quinoa, saftigen vegan Burgers und neuen Gemüsen.

Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, aber nicht alle mögen Low-Carb oder veganen Käse. Es macht Sinn, wenn wir das essen, was uns gut tut. Und es liegt auf der Hand, dass sich unsere Ernährung heute von derjenigen unserer Grossmütter unterscheidet, da wir in der jetzigen Zeit ganz andere körperliche und mentale Anforderungen haben als noch unsere Vorfahren.

Ablass durch "richtiges" Essen

Schwierig ist in meinen Augen nur, dass unsere Fokussierung auf den eigenen Teller zu einer Art Ablass führt. Wer "richtig" isst, baut Schuld ab. Schuld am Elend dieser Welt, an der Fleischindustrie, an der Ausbeutung von Tieren, an sozialer Ungerechtigkeit, etc.

Aber wie auch schon im Mittelalter, ist der Ablass auch heute noch eine trügerische Sache. Man kann daran glauben, dennoch ist fraglich, ob er wirkt und auch ob er richtig ist.

Wir leben nämlich in einer globalisierten Welt und diese ist noch viel komplexer und verwobener als so ein Teller glauben macht.

Die Schweiz ist ein Grasland

So ist die Schweiz zum Beispiel ein Grasland, das heisst, in weiten Teilen unseres Landes ist die Futtermittelherstellung für Vieh das, was unser Boden am besten kann, oder sogar die einzige Nutzungsmöglichkeit. Natürlich könnten (allerdings nicht zuletzt dank der Klimaerwärmung) auch einem Teil des Graslands mehr direkt für den Menschen essbare Pflanzen angebaut werden, zum Beispiel Getreide, Mais oder sogar Gemüse, aber besonders in den Alpen gibt es Gebiete, die nur mit Tieren sinnvoll bewirtschaftet werden können. Ganz ohne Fleischproduktion geht es also in der Schweiz nicht, ausser man will die Alpen verganden lassen oder nur noch Kunstdünger verwenden.

Bei den Bauern bleibt immer weniger

Ein Problem der industriellen Lebensmittelproduktion liegt darin, dass die eigentlichen Produzenten, also die Bauern, einen immer geringeren Teil der Wertschöpfung bekommen, der grosse Teil bleibt bei der Lebensmittelindustrie und den Grossverteilern.

Der Preisdruck drückt aber auch auf die Qualität der Erzeugnisse, denn ein nachhaltiger Pflanzenanbau und eine tiergerechte Aufzucht und Mast ist aufwändiger als eine billige Massenproduktion. Ebenso wie es richtig war, möglichst viele demokratische Rechte in die Hände der einzelnen Bürgerinnen und Bürger zu legen, glaube ich, dass es sich lohnt, wenn die Produzenten wieder mehr Rechte bekommen und anständig für ihre Arbeit bezahlt werden. Viele Lebensmittelproduzenten sind sehr innovativ und sie stellen qualitativ hochwertige Produkte her.

Ich bin für eine bessere und vielfältigere Ernährung. Es ist auch wichtig, dass unser Fleischkonsum in Zukunft deutlich sinken muss! Und es ist sicher richtig, wenn wir beim Tellerrand aufhören zu essen, aber wir dürfen ruhig etwas weiter denken.

Auch Beyond-Meat Burgers helfen den Produzenten nicht

Moderne Produkte wie beispielsweise der Beyond-Meat Burger leuchten auf den ersten Blick ein, aber auch wenn in Zukunft nur noch solche Burgers statt Fleisch verzehrt würden, bliebe der Löwenanteil der Wertschöpfung weiterhin in der Lebensmittelindustrie und nicht beim Erbsenproduzenten. Etwas überspitzt gesagt, würden von so einer Entwicklung vor allem die Aktionärinnen und Aktionäre der börsenkotierten Firma Beyond Meat profitieren und nicht die Umwelt oder die Produzenten.

Darum braucht es beim Essen Vielfalt und keine Doktrin, so wie die Menschen verschieden sind, unterscheiden sich auch ihre körperlichen Bedürfnisse. Während die einen fettes, deftiges Essen lieben, stehen andere eher auf gedämpftes Gemüse und Salat. Diese Vielfalt ist einerseits individuell und andererseits kulturell. So reisen wir ja meist wegen den kulinarischen Differenzen. Wenn wir in Zukunft überall die gleichen veganen Speisen vorgesetzt bekommen, nimmt uns das die Lust und die Freude am Unbekannten.

Vielfalt beim Essen wirkt der Übernutzung entgegen.

Ich plädiere darum für eine Entideologisierung des Essens. Jeder und jede soll sich frei fühlen, das zu essen, was ihr oder ihm schmeckt, wichtig ist die Vielfalt und die Freude an lokalen Produkten.

Auch wenn Quinoa noch so gesund ist, tun wir der Welt nichts gutes, wenn wir hier nur noch Quinoa essen und dabei alle unseren lokalen Getreidearten vergessen. Die Schweiz ist auch punkto Lebensmittel kleinräumig und vielfältig. Dies ist nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine ökologische Qualität, die nur weiter bestehen kann, wenn sie von den Menschen geschätzt und getragen wird.

Die Schweizer Produzenten sollen und müssen auf die verstärkte Nachfrage nach pflanzlichen Lebensmitteln reagieren, aber es wäre doch schön, wenn statt eines Massenproduktes wieder neue Sorten traditioneller Gemüse angebaut würden, zum Beispiel blaue St. Galler Kartoffeln, oder Bätteli Bohnen, oder Äpfel namens Balgacher Reinette.

Essen und Entdeckungslust gehören eigentlich zusammen

Essen war schon vor hunderten von Jahren ein wichtiger Motor für Entdeckungslust. Unser Appetit auf Gewürze hat uns Menschen dazu gebracht, mit einem lottrigen Segelschiff bis weit über den Scheibenrand der alten Welt hinaus zu segeln um anderes Essen und damit neue Welten zu entdecken. Zu ihrer eigenen Überraschung fanden die damaligen Entdecker allerdings in dieser Neuen Welt keine besonderen Gewürze, aber dafür Gemüse, die bis heute unseren Speiseplan bereichern:

Kartoffeln, Tomaten, Bohnen, Mais, Kürbisse, Erdnüsse, Avocados.... Wäre doch schade, wenn wir immer noch das ungewürzte Hafermus oder die elende Biersuppe löffeln müssten, nur weil das damals ökologisch und religiös angesagt war.




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