Warum uns Fertiggerichte fertig machen
- Lynn Blattmann

- 14. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Seit den Hero Ravioli aus der Konservenbüchse hat unsere Lebensmittelindustrie rasante Fortschritte gemacht. Aber das Prinzip ist gleich geblieben: Vertraute Produkte werden mit möglichst vielen günstigen Kniffen und Zutaten so gepimpt, dass sie unwiderstehlich werden.
Jeder weiss, dass hoch verarbeitete Lebensmittel eine lange unverständliche Liste an Zutaten enthalten, die sie nicht nur billiger machen, sondern dass sie damit direkt unsere innersten Belohnungszentren im Hirn ansteuern.
Es ist uns bekannt, dass sie dafür bis zum "Glückspunkt" mit Zucker und mit zu viel ungesunden Fetten traktiert werden und dass sie uns durch ihre Weichheit dazu animieren, sie viel zu schnell herunterzuschlingen. Dadurch können wir beim Essen jeweils den Sättigungsmoment überholen. Das Zeugs landet also derart schnell in unseren Bäuchen, dass wir uns daran quasi logischerweise überfressen. Kein Wunder setzen sich hoch verarbeitete Lebensmittel ebenso schnell auf den Hüften fest.
Wer denkt: "ich ess doch solches Zeugs längst nicht mehr", soll doch bitte mal in seinen Kühlschrank schauen.
Alle Produkte, die mehr als 5 Zutaten enthalten, werden dazu gerechnet.
In der Schweiz ernähren wir uns im Schnitt zu 26% aus hochverarbeiteten Fertigprodukten. Dazu zählen auch Guetsli, Glacé, Würste, frische Teigwaren, Salatsaucen, Fertigteige, vegane Schnitzel, etc.
Das Zeugs schmeckt offenbar so gut, dass wir beim Konsum von solchen Produkten leicht 500 Kalorien mehr pro Tag zu uns nehmen.

Ist es die Faulheit, die Bequemlichkeit, mangelnde Disziplin oder schlicht und einfach Dummheit, die uns immer wieder zu solchen Produkten greifen lässt, während der Broccoli im Gemüsefach zu welken beginnt?
Wir wissen doch längst, dass uns das Zeugs nicht gut tut, warum kaufen wir es dann wenn Bio drauf steht oder reich an Protein, oder enthält 30% weniger Zucker?
Fallen wir tatsächlich auf die Werbung rein?
Oder sind wir gar süchtig geworden nach solchen Produkten und lassen uns darum nur zu gerne blenden von Beteuerungen, wie dieses Cola sei ohne Zucker hergestellt worden.
Ist es gar etwa wie mit den Zigaretten? Wir rauchen sie nicht mehr, weil wir wissen, dass sie schädlich waren, aber wir greifen locker zu den Verdampfern, die uns denselben Mist in neuen Aromen und mit neuen unerforschten Giftstoffen andrehen?
Interessanterweise gehen in Ländern mit hohem Konsum an hochverarbeiteten Lebensmitteln die Verkaufszahlen für Zucker, Salz und Öle zurück.
Dies ist ein Hinweis darauf, dass weniger gekocht wird und mehr Convenience Food konsumiert wird.
ich kann das verstehen, denn wer will schon lange in der Küche stehen? Wir überfordern uns doch laufend mit guten Vorsätzen, mehr mit Hülsenfrüchten zu kochen und wir kaufen vorauseilend keinen Zucker mehr, um ja nichts von dem schädlichen Zeugs im Haushalt zu haben. Aber Achtung: es drohen Fressattacken am Glacékübel oder Schoggiorgien.
Dabei könnte aus einer Packung gefrorene Blaubeeren, etwas Eiweiss und natürlich Puderzucker (sofern vorrätig!) in einem Mixer ein herrliches schnelles und viel gesünderes Sorbet gezaubert werden. Der Unterschied zu einem gekauften Fruchteis war eklatant, wie eine Freundin kürzlich an einem Nachtessen mit Freunden bewiesen hat. Es enthielt garantiert pro Portion fünfmal so viele Beeren und deutlich weniger Zucker wie ein gekauftes Sorbet und es kam auch ganz oben im Frontallappen im Belohnungszentrum an.




Jaja, die Büchsen-Ravioli! Sie sind mir sehr positiv in Erinnerung. In den 60er und 70er waren sie nebst den gleichfalls bei uns regelmäßig auf dem Speiseplan erschienenen Spaghetti (straight mit Hero Tomatenpuree angemacht🤪) DER Renner. Hab die Ravioli teils gleich kalt aus der Büchse gegessen (wenn unsere Mutter etwas später von der Arbeit kam!). Kompakt, verdichtet mit einem durchaus entsprechenden Anspruch an einen achtsamen Umgang mit der Gabel, wollte man die einzelne Ravioli nicht gleich zerstören und damit den erwarteten Genuss beeinträchtigen. Naja Tempi Passati und doch konnte ich mir ob dieser Erinnerungen ein „nostalgisches“ Schmunzeln nicht verkneifen. Und heute … ja, da kaufe ich nicht mal mehr Dinge (hauptsächlich!), die eine Deklaration unter „Ingreadiens“ haben, einfach beim Frischgemüse oder…
Vor zwei Jahren habe ich versucht, das Lebensgefühl meiner Jugend zu aktivieren und habe eine Büchse Ravioli gekauft. Meine Jugend ist mir zwar in sehr guter Erinnerung, aber die Ravioli konnte ich trotzdem nicht mehr essen. Aber interessanterweise haben die Büchsenravioli den Weg zu den richtigen Ravioli geebnet, vorher gab es bei uns keine Ravioli und das Wort war unbekannt. Ohne Hero hätte ich vielleicht vor zwei Wochen keine Ravioli selber gemacht (Zitrone / Dörrtomaten) 😎. Beste Grüsse, Cornelia