• Lynn Blattmann

Aufgegabelt

Erst seit rund 200 Jahren gehören Messer, Gabel und Löffel zum normalen Essbesteck. Lange reichte zum Essen ein Löffel. Und vielleicht noch ein Messer zum Zerteilen aller Speisen auf dem Tisch. Die Gabel verbreitete sich erst seit rund 200 Jahren als individuelles Essbesteck.

Der Faustkeil als Vorform des Messers steht am Anfang der menschlichen Nahrungszubereitung. Es ist ja gerade der Umstand, dass wir unser Essen zubereiten, der uns von den Tieren unterscheidet, die alles roh, direkt aus der Natur verschlingen.

Am Anfang war also nicht nur das Feuer, sondern auch das Urmesser, das zum Zerteilen der Nahrung diente, es ist eines der ältesten Werkzeuge der Menschheit.

Technisch haben sich Messer seither relativ wenig entwickelt. Sie erhielten einen Griff und eine schärfere Klinge, die später aus Eisen gefertigt wurde.

Zum Essen wurden Messer allerdings lange nicht verwendet. Die Menschen hatten schliesslich angewachsene Esswerkzeuge: Die Hände. Die Messer wurden lediglich als Waffen oder Werkzeuge eingesetzt, nicht als Besteck.

Erst im antiken Rom wurden die ersten Messer bei Tisch eingesetzt. Vorher wurde das Essen durch die Diener oder bereits in der Küche zerkleinert.

Als erstes und lange einziges Essbesteck am Tisch etablierte sich der Löffel.


Die Römer erfanden den Löffel als Essbesteck

Nein, die Römer haben den Löffel nicht erfunden. Die ersten Löffel wurden bereits in der Frühsteinzeit in Grabbeigaben entdeckt, in römischer Zeit verbreitete sich aber der Holzlöffel als Essensinstrument am Tisch. Der Ligula, wie der Löffel genannt wurde, wurde für Suppen und breiiges Essen benutzt und zwar nicht nur bei den bessergestellten Familien, sondern auch in den ärmeren Schichten.

Als das römische Reich unterging, blieb der Löffel. Auch im Mittelalter löffelten viele Menschen munter weiter. Wenn auch einige damals die Suppe wieder direkt aus der Schale schlürften. Man ass im Mittelalter auch an den Höfen weiter mit den Händen, vor allem mit der rechten Hand und wusch sich zwischen den Gängen auch immer mal wieder die fettigen Hände und trocknete sie dann am Tischtuch ab.

Damals waren Gabeln zwar bereits bekannt, aber am Tisch verpönt. Gabeln galten als unschicklich, anstössig, teuflisch, also unnötig am Tisch.


Am Ende kam die Gabel

Erst im 16. Jahrhundert begannen Adlige am Gürtel ein Etui zu tragen mit einem Messer, einer Gabel und einem Löffel drin, das Beisteck. Dieses Etui schnallte man sich um, wenn man zum Essen eingeladen war und davon leitet sich auch unser heutiges Wort Besteck ab.

Ab dem 17. Jahrhundert verbreiteten sich Messer, Gabel und Löffel als Besteck am Tisch über den Adel allmählich auch ins Bürgertum. Im 19. Jahrhundert wurden unzählige Spezialbestecke erfunden, mit denen sich wohlhabendere bürgerliche Haushalte von einfacheren abgrenzen konnten. Das Besteck wurde nun also nicht mehr vom Gast mitgebracht, sondern musste vom Gastgeber in genügender Anzahl für jeden Gast individuell zur Verfügung gestellt werden.

Die Gabel blieb lange ein argwöhnisch beobachtetes Essbesteck, besonders der dreizackigen Gabel gelang es nicht, ihr teuflisches Image abzuwerfen, wurde doch der Teufel lange mit einem Dreizack dargestellt.

Die Gabel wurde aber auch erotisch aufgeladen. Die Tischsitten bürgerlicher Haushalte im 19. Jahrhundert verlangten, dass Frauen die Gabel nur mit gegen unten gebogenen Zinken an den Mund führten, alles andere wäre als anstössig empfunden worden.


Chinesen waren zuerst

Wer nun aber glaubt, dass die Europäer Vorreiter der Esskultur mit Besteck waren, liegt falsch. Die Chinesen waren uns weit voraus. Sie haben bereits vor über dreitausend Jahren die Essstäbchen erfunden. Genial in ihrer Einfachheit und reduzierten Form, hatten sie sich bereits in vorrömischer Zeit nach Japan und Korea verbreitet. Um mit Chopsticks essen zu können, muss das Essen bereits beim Kochen in mundgerechte Stücke verarbeitet werden, in Asien ist das längst eine Selbstverständlichkeit. Das Messer hat in China auf dem Esstisch nichts zu suchen.

Heute essen 22% der Weltbevölkerung mit Essstäbchen, die sich kaum von den Prototypen aus 2000 v.Chr. unterscheiden. Von der ärmeren Bevölkerung wurden die Stäbchen lange ähnlich wie das Beisteck früher auf dem Körper getragen und beim Essen mitgebracht, allerdings verschwindet diese Sitte mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Chinas allmählich. Da Essstäbchen oft aus Holz hergestellt werden, behandelt man sie meist als Wegwerfartikel, was zu massiven Abholzungen führt und schlimme Umweltschäden verursacht.

Essen von Hand weiterhin verbreitet

In Indien, Afrika und in der arabischen Welt essen Menschen bis heute hauptsächlich von Hand. Allerdings gibt es auch in diesen Ländern klare Essensvorschriften, die für Fremde oft nicht leicht zu befolgen sind. So wird meist nur mit der rechten Hand gegessen und es wird darauf geachtet, dass die Hand beim Essen möglichst sauber bleibt. Oft werden Fladenbrote als eine Art Löffel eingesetzt um das Essen aufzuladen oder aufzutunken.


Egal, ob man in einem Land isst, indem von Hand gegessen wird oder wo man als Essbesteck Stäbchen reicht, nach einer Weile erscheint unsere Sitte des Essens mit Messer und Gabel nicht mehr als die einzig mögliche und als die kultivierteste Art, sich Nahrungsmittel zuzuführen. Sicher ist, dass die Küchen Indiens und Chinas der europäischen Küche punkto Raffinesse und Vielfalt der Zutaten und Gewürze deutlich voraus sind.

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